Kiew

Das Wohnhaus bekommt täglich Besuch von der Polizei. Diese kommt aber nicht um zu kontrollieren und zu schützen, sondern um ihre „Schweigegelder“ abzuholen.

Wer als Tourist die Stadt Kiew besucht, sieht auf den ersten Blick eine aufblühende Millionenmetropole.
Überall wird gebaut, die Geschäfte sind 7 Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag geöffnet. Es herrscht ein reges Treiben und man erblickt mindestens genauso viele Luxuskarossen wie in Berlin. Von der kriegerischen Auseinandersetzung mit den Separatisten im Osten des Landes ist hier nichts zu spüren.....
Schaut man aber hinter den Kulissen und spricht mit den Menschen die hier leben, zeichnet sich ein ganz anderes, erschreckendes Bild und man fragt sich, wie der allergrößte Teil der Bevölkerung hier überleben kann.
Man spricht von 10 % Reichen und 90 % Armen (lt. Regierung 30 % und 70 %)

Ungefähr 80 % der Arbeit suchenden Menschen werden inoffiziell angestellt.
Der durchschnittliche Monatslohn beträgt ca. 250,- €. Eine einfache 2-Raum-Wohnung am Stadtrand kostet monatlich 200,- bis 300,- € Miete. In der City ist der Wohnraum für 80-90 % der Bevölkerung nicht bezahlbar. Meistens wohnen die Menschen in Wohngemeinschaften auf engstem Raum oder sie wohnen am äußersten Stadtrand. Dort ist der Wohnraum nicht ganz so teuer, die Wohnungen aber oft in einem sehr schlechten Zustand.
Die Flüchtlinge müssen häufig in solchen Wohnhäusern wohnen – umgeben von vielen asozialen Familien, wo Drogenkonsum und Kriminalität zum Alltag gehören.
Die Schwägerin meines Freundes, die mit ihrem Mann und ihren zwei erwachsenen Kindern aus Donezk geflüchtet sind, müssen in solchen Verhältnissen wohnen. Die 80-jährige Mieterin im Untergeschoss dealt von ihrem Fenster aus mit Drogen. Das Wohnhaus bekommt täglich Besuch von der Polizei. Diese kommt aber nicht um zu kontrollieren und zu schützen, sondern um ihre „Schweigegelder“ abzuholen.
Flüchtlinge aus der Ostukraine bekommen unter ganz bestimmten Bedingungen 10,- € im Monat staatliche Unterstützung. Die Voraussetzungen für diese Unterstützung sind so festgelegt, dass kaum jemand diesen Zuschuss in Anspruch nehmen kann.

Alltag für Familien mit Kindern
Wer Kinder hat, ist besonders arm dran. Ein neuer Kinderwagen kostet zwischen 400,- und 600,- €. Gebrauchte Güter sind im Verhältnis extrem teuer. Ebay oder etwas ähnliches gibt es nicht. Offiziell kostet eine Geburt nichts. Dennoch muss jede Mutter für die Geburt 100,- € bezahlen. Theoretisch ist der Schulbesuch ebenfalls kostenlos. Die Schule verlangt aber 100,- € im Monat für den Lehrer, Schulmöbel und Unterrichtsmaterial. Wer das Krankenhaus aufsuchen muss, ist im wahrsten Sinne arm dran. Daher sind sehr viele Menschen durch einen notwendigen Krankenhausaufenthalt hoch verschuldet oder können eben nicht behandelt werden.
Eine Krankenversicherung können sich nur die ganz Reichen leisten.

Korruption
Alle Kontrollorgane, die Korruption verhindern sollen, sind grundsätzlich selber korrupt. Auch hier bestätigt die absolute Ausnahme diese Regel.
Für eine Führerscheinprüfung ist eine Vorbereitung nicht notwendig. Wie mir viele „Prüflinge“ bestätigt haben, geht man zur Polizei, fährt mit einem Beamten um den Häuserblock und bezahlt 150,- €. Ist der Beamte damit nicht zufrieden, fährt man eine 2. Runde und bezahlt nochmals 150,- €. Wer von vornherein genügend Geld mitbringt, bekommt den Führerschein ohne eine Runde zu fahren. Geübt wird im Verkehr....

Ich bin äußerst dankbar in einem Land zu leben, in dem wir nicht unter Krieg, Hunger oder Naturkatastrophen und seinen Folgen zu leiden haben.
Dieses Vorrecht möchte ich nutzen, um anderen Menschen zu helfen, die in großer Not sind. Unabhängig davon, wo auf der Welt diese Hilfe benötigt wird!